Meetups & Veranstaltungen - Eindrücke

The Great Wave – Highlights eines hybriden Festivals

Die Pandemie hat auch mich Meetup-müde gemacht, daher war hier wenig los. Vor kurzem wurde ich über Audrey Tang, Digitalministerin in Taiwan, auf das „The Great Wave“ Festival aufmerksam: 4 Tage, hybrid, 6 Kontinente, 36 lokale Hubs, mehr als 2.000 Teilnehmende und großartige Speaker*innen – organisiert vom House of Beautiful Business-Team. Ich hatte wieder richtig Lust auf digitales Lernen & Vernetzen!

In diesem Blog folgen nun meine Highlights des Festivals, die hoffentlich auch Inspiration geben für die virtuelle Welt:

Bevor es losging – Offline Work, Unhappy Hour & themenbasierte Chat-Gruppen

Bevor die offizielle Eröffnung stattfand, gab es ein Arbeitsbuch (PDF zum Download) zum Thema „Inner Work“ an die Hand. Das Arbeitsbuch hat das Thema des „Wellen reiten“ wunderbar aufgegriffen, Aufgaben für Kopf und Herz zur Verfügung gestellt und versucht den Bogen von Selbst-, Arbeit- und Organisation zu schlagen. Besonders schön: Zur Bearbeitung des Arbeitsbuches gab es einen Musikvorschlag.

Die Unhappy Hour startete mit der Frage „Was macht dich in Bezug auf die Business-Welt gerade unglücklich“. Erstmal den Frust loswerden, bevor das Event startet: Das kennt man auch von anderen kreativen Prozessen. Es kann zwischen Teilnehmenden eine schnellere Basis schaffen – es ist manchmal schlicht einfacher, sich auf etwas zu einigen, was NICHT sein soll, als auf ein was soll sein.

Außerdem gab es sogenannte „Ripples“ – WhatsApp-Gruppen zum Vernetzen vor, während und nach der Veranstaltung. Jede*r konnte eigene Ripples zu Themen gründen (bspw. gab es ein Ripple zu „The Female Cycle at Work“ oder zu „Put your money where your Impact is – Finance“). Daneben gab es ein Mystery Ripple, das war eine WhatsApp-Gruppe die nach einem unbekannten Algorhythmus (hier kommt die Mystery ins Spiel) verschiedene Teilnehmende zusammenloste.

Tag 1 – Formation, Sinne ansprechen im virtuellen Raum

Jeder Tag stand unter einem Motto. Tag 1 „Formation“. Die Eröffnungszeremonie startete mit Musik und ein paar Regeln. Die Regeln waren nicht im typischen „Do’s“ und „Don’ts“-Modus formuliert, sondern setzen ebenfalls einen Impuls zur Atmosphäre. Mein Lieblingsregeln:

  • Create a space where people can get lost without losing
  • We are one but not the same
  • Don’t waste time with efficiency

Am ersten Tag wurden unter anderem eine Geh-Meditation (Audio-Begleitung) und sogenannte „Wonder Walks“ angeboten. Letzteres lief über eine Anleitung auf dem Handy. Ca. 45 Minuten läuft man dabei durch die eigene Stadt und bekommt Aufgaben, wie bspw. bestimmte Farben, Wasser, Himmel beobachten / riechen / aus einer neuen Perspektive betrachten, mit auf den Weg. Anschließend gibt es zu jeder Aufgabe Reflexionsfragen. Wer wollte, konnte Bilder und Entdeckungen dieser Spaziergänge mit anderen Teilnehmenden teilen.

Zum Ende des ersten Tagen gab es noch eine Trauerstunde. Jede*r sollte eine eigene Kerze mitbringen. Betrauert wurden Verluste aus Vergangenheit und Zukunft.

Tag 2 – Immersion, 3D-Welt mit Kunstausstellung, Vorträge & Maskenball

Tag 2 trug das Motto „Immersion“. Für mich war es der intensivste Tag.

The Great Wave bot eine 3D-Welt zum Entdecken ein. Es gab in dieser Welt keine Karte, mit welcher man sich einfach an bestimmte Ecken „beamen“ konnte. Jede*r war gefordert die Welt selbst zu durchlaufen und stückweise zu erleben. Neben Kunstausstellungen, Interviewstreams gab es auch einen Weg „der tausend Gedanken“ – nach und nach gab es mal mehr und mal weniger inspirierende Gedanken mit auf den Weg.

Und nun zu meinem #1 Highlight: Das Interview mit Audrey Tang. Für mich ein Rollenvorbild. Was sagt sie also?

  • Eine „beautiful“ (schöne) Regierung ist eine, die den Menschen vertraut
  • Oft ist das Vertrauen in Regierungen verloren – wie kann man Vertrauen wieder aufbauen? 1. Fehler zugeben und 2. Implementieren, was die Bürger*innen vorschlagen (Stichwort: „reverse procurement“)
  • Es gibt in Taiwan das „Open Government“ Prinzip (das meint hohe Transparenz); ihre Konversationen werden im Internet live gestellt, damit Menschen verstehen, wie die politischen Policies erstellt werden und aus welchen Gründen
  • Co-Creation wird angeregt (durch einen einfachen Petitionsprozess); es soll nicht nur Bürger*innen-Partizipation durch eine Wahl alle paar Jahre geben – sondern aktive Partizipation
  • Rolle als Leader: Audrey ist transgender; „my pronouns are whatever“; Audrey ist Linkshänderin wie ihr Vater und ihre Oma (die Umgebung war angepasst an „Rechtshänder*innen“, die Umgebung ist feindlich ggü. Linkshänder*innen) – sie merkte, als sie die Umgebung änderte und Smartphones benutzte ist die links-rechts-Nutzung egal; daher: Verändere deine Umgebung, nicht dich selbst
  • Als Audrey Ministerin wurde, hat sie bei Geschlecht „none“ angekreuzt (sie ergänzt im Interview „ich hätte auch alle Geschlechter ankreuzen können“); Audrey möchte sich nicht einfangen lassen, auch nicht in den Stereotypen
  • Was hat transgender in der persönlichen Führung ausgelöst? Sie sieht nicht zwei Hälften der Bevölkerung / kategorisiert nicht
  • Audrey wurde als Kind gemobbt; als Audrey 15 Jahre alt war, erzählte sie der Schuldirektorin, dass sie bereits Open Source Research mache und erklärte, dass sie nicht weiter zur Schule gehen wollte – nachdem die Direktorin ihre Research sah, erlaubte sie ihr von der Schule fern zu bleiben
  • Audrey lebt nach den Lehren des Daoismus „… to lead and not to rule“

Etwas überraschend hat mich auf ein Vortrag über Toiletten und Toilettengang sehr angesprochen:

  • In den 1860er „explodierten“ Toiletten über Nacht in Seattle, wenn es Flut gab, daraufhin wurde die Stadt um 10 Meter „angehoben“ (dazu wurden die Häuser auf Stelzen gestellt), bezahlt wurde das von der „Entertainment Steuer“ (diese wurde v.a. durch Sexarbeit / lustvolles Amüsement erhoben)
  • Japan hatte früher tiefe, schwarze Toiletten; während des 2. Weltkrieges beschwerten sich die Amerikaner darüber; als dann McDonalds in Japan einzog, setzte ausgerechnet die Fast-Food-Kette neue Toiletten-Standards; Japan entwickelte aus dem Konkurrenzgedanken heraus moderne Toiletten mit Bidet. Und schon wieder kommt hier Sexarbeit /lustvolles Amüsement ins Spiel: um die Bidets zu bauen, brauchte es eine Messung zwischen dem Po und dem Toilettenrand – dafür gingen die japanischen Bauer*innen in Strip-Clubs und zahlten Sex Arbeiterinnen, um den Abstand zu messen; andere Frauen wollten sich für derlei Messungen nicht zur Verfügung stellen
  • In China gibt es eine Göttin für die Latrine und sogenannte (Ni how) „Hallo“-Toiletten, die nicht auf Individualismus fokussieren, sondern bei denen man sich gegenseitig sehen und hallo sagen konnte
  • In deutschen Toiletten wird der Stuhlgang quasi „ausgestellt“ und die Menschen können es examinieren; in Deutschland gibt es auch viele Sprichtwörter rund um den Stuhlgang „Arschgeige“ und „Dukatenscheißer“ UND das erste, was Guttenberg nach der Bibel veröffentlichte war ein Kalender zum Ausfluss
  • Die Zukunft der Toilette: Komposttoiletten – diese sichern Wasser und können als Dünger eingesetzt werden

Zum Abschluss des zweiten Tages nahm ich noch am Masken-Bastelworkshop und dem anschließenden Maskenball teil! Ein wahrer Spaß. Unterschiedlichste DJs sorgten für gute Musik, die Teilnehmenden wurden abwechselnd eingeblendet.

Tag 3 – Integration, Zweifel, Impulse, Dinner & gemeinsame Stille

Ich startete in Tag 3 „Integration“ mit 75 Fragen zum Zweifel (Audio), hier eine kleine Auswahl:

  • What would I do to survive on Mars?
  • Was I wrong to be right? Was I right to be wrong?
  • Do you like my work? Or do you just like how much I work? How I put in my effort not always mindful of my boundaries?
  • What are the limits of my ambitions?
  • Am I only interested in myself? Am I just about myself?
  • Is the glass half full or half empty? Is it a glass?
  • What is wrong with me?
  • If I said what I really believed would my friends still be my friends?
  • Is my taste basic?
  • Am I a leader? Am I humble-bragging?
  • Am I a fist take person? When the masks are off, are the doubts off too? …

Danach gönnte ich mir ein interessantes Audio-Interview mit Carola Rackete und Gianpiero Petriglieri – ich empfinde es als sehr hilfreich, dass Carola Rackete den Fokus beim Erzählen darauf legt, es nicht als etwas Besonderes einzuordnen – sondern eher dazu anzuregen, dass jede*r sich bewegen sollte und kann:

  • Menschen wünschen sich Geschichten über „Humanity“; diese erinnern daran: Nicht jede*r schaut auf den eigenen Vorteil
  • Das Schiff von Carola Rackete war nie ohne Führung; als Organisation & Person wussten sie, dass sie in diese Lage kommen und konnten sich vorbereiten
  • Carola trägt moralische Verantwortung durch das selbsterkannte Privileg; Privileg ist ein Geschenk – das uns Verantwortung gibt
  • Italienische Gefängnis ist ein „Safe Place“ im Vergleich zu dem, was die Geflüchteten haben, wenn diese gerettet werden; Menschenleben-retten ist es Wert ins Gefängnis zu gehen
  • Sinn der eigenen Arbeit ist für Carola Rackete direkt sichtbar, Purpose ist nicht imaginär oder visionär
  • Viele Probleme sieht sie verwurzelt in Rassismus; Konflikt zwischen: Menschen, die weiße Vorherrschaft bewahren wollen vs. Weltenbürger*innen; BLM-Bewegung ist in den USA stärker weil die Menschen US-Amerikaner*innen sind, Flüchtlinge sind eine sogenannte „out group“
  • Menschen sollten aktiviere Rolle einnehmen; wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, sich einzubringen, werden sie es tun (z.B. in Frankreich haben Menschen über Klimakrise diskutiert und viel radikalere Ideen hervorgebracht als Politiker*innen – Bürger*innen haben kein Wahlperioden-Denken)
  • Ihr Appell: Frage dich Mit allen Fähigkeiten, die ich habe, mache ich etwas gesellschaftlich sinnvolles? Macht meine Organisation etwas sinnvolles? Jede*r muss etwas tun!
  • Führung heißt nicht nur „Führe ich angemessen in dem bestehenden System“ sondern „Führe in die richtige Richtung“
  • Soziale Bewegungen / Aktivist*innen müssen das politische Geschehen von außen durch Demonstrationen aber auch von innen z.B. durch politische Ämter ändern

Am Abend wurde aufgetischt: Ein Dinner mit 15 Toasts. Ablauf: 15 Personen teilen persönliche Geschichten zu einem vorher definierten Thema. Wichtig dabei ist: Es muss eine Geschichte sein, die man in dieser oder eine ähnichen Umgebung noch nicht geteilt hat. Die letzte Person muss die eigene Geschichte singen. Man möchte also ggf. nicht zu lange mit dem Teilen warten… Übrigens: Eine ähnliche Idee gibt es auch von Kübra (mehr dazu im „Hotel Matze“ Podcast: https://soundcloud.com/hotelmatze/kubra-gumusay ).

Und zum Abschuss: Eine Stunde gemeinsame Stille.

Tag 4 – Flow, Purpose, Impulse, Telefonhotline & Abschlusszeremonie

Eine der schönsten Übungen machte ich an Tag 4 „Flow“: Den Purpose Journey. Anhand von Musik sollte ich mein aktuelles Gefühl einschätzen. Danach folgte eine Meditation. Erstmal ankommen bei sich selbst. Letztlich folgten viele Fragen zum Purpose für das eigene Selbst und im Arbeitskontext. Wirklich hervorragend gemacht.

Ein Input zu Empatie brachte folgende Erkenntnis:

  • Es gibt 3 Arten von Empathie
    • Affective (von sich selbst ausgehen)
    • Somatic (versuchen, sich in die pysische Situation des anderen zu versetzen); z.B. du siehst, wie jemand sich die Hand in einer Tür einquetscht
    • Cognitive (Fragen stellen, eigenes Verhalten ändern)
  • Selbst-Erkenntnis ist wichtig, um aus unseren eignen Bias‘ rauszukommen und dann Empathie zu üben (wie ein Muskel)
  • Fun Fact: Es gibt ein Museum für Empathie; die Idee: Empathie anfassbar machen „in die Schuhe einer anderen Person schlüpfen“, dazu darf sich jede*r Besucher*in ein Schuhpaar in der passenden Größe aussuchen und bekommt dann die Schuhe sowie eine Audio-Aufnahme mit auf den Weg; in den Schuhen der anderen Person und mit deren Erzählungen auf den Ohren schlendert der*die Besucher*in dann durch die Stadt
  • Es werden 7 Archetypen von Empathie vorgestellt – die wir alle in uns tragen
    • Sage (sehr präsent, gibt Präsenz der anderen Person)
    • Inquirer (sehr gute Fragensteller*in)
    • Convener (exzellente Gastgeber*in, beachten auch das Mind-Set der Person) •Confident (exzellente aktive-Zuhörer*innen)
    • Cultivator (haben sehr gute Vision, Kultivierung von geteilten Zielen)
    • Seeker (helfen anderen durch Risiken / Hürden)
    • Alchemist (es gibt kein Scheitern)

Dann noch ein spannender Impuls zum Thema „How can we cure Management“ (wie heilen wir das Management?):

  • Was läuft schief?
    • Erfolg wird nur mit Zahlen gemessen.
    • Organisationen, die nur fragen „Wie können Mitarbeitende zum Organisationserfolg beitragen?“ anstatt vice versa; die Verbingund zwischen Mensch und Organisation geht veroren
    • Keinen Purpose. Arbeiten mit einer Vision, die nicht sozial relevant ist.
    • Management möchte gern „Gesetze“ schaffen; aber es ist keine Wissenschaft! Es ist eher eine Kunst – mit Interpretation. Es gibt keine Garantien. Es ist nichts Mechanisches.
    • Management limitiert unsere Imagination; es „sperrt uns ein“; Management hatte früher Vorteile: Effizienz; aber heute fehlt Adaptivität zur Realität
    • Management in der Midlife Crisis? Es hält nicht mehr den Ansprüchen der Realität stand
    • Brainwashed mit „mehr mehr mehr“ Produktivität; Sind wir genug? Das ist Resultat lang etablierter Archetypen von Führung und Leistungsmessung
    • Unsere Systeme funktionieren nicht mehr für aktuelle Herausforderungen – früher tangible Produkte erstellt, heute geht es um „unsichtbares“ wie Denken, Inspiration, … (Wie würde ein System aussehen, dass Mitarbeitenden hilft, kreativer zu sein, aussehen? – Mit Sicherheit nicht noch mehr Arbeitsstunden und noch mehr Zoom-Meetings)
  • Ideen zur „Heilung“
    • Definition von Erfolg verändern
    • Arbeitsumgebungen schaffen, die inspirieren & Passion belohnen
    • KPIs einführen, die zum gesamten Öko-System beitragen / Aussagen zum Beitrag dazu geben
    • Kund*innen müssen mehr Druck ausüben
    • Kleine Experimente, um zu sehen „anders Arbeiten kann funktionieren“
    • Unterstütze die Führungskräfte, die es anders machen (Partnerships, …)
    • Bei sich selbst starten! Sich selbst ändern und im zweiten Schritt das Team.

Eine nette Idee: Eine Telefonhotline für direktes Feedback (Group Call via Vimeo für Deutschland und Ameika). Mit der Einladung: „Regrets? I have a few. Call us and share yours.

Und last but not least: Die Abschlusszeremonie. Meine Highlights hier: Es gab einen lustigen, kurzen ”Fight”: Für welche Seite entscheidet man sich online oder offline (hybrid war nicht erlaubt, nur extreme). Gefolgt von einem gemeinsamen Singen „Stand by me“. Das gesamte Team „behind the Scenes“ wurde geehrt und kurz in die Kamera geholt. Und in den wirklich letzten Minuten wurde Live-Musik gespielt, dabei konnten die Teilnehmenden eine Message an alle anderen im Meeting malen und in die Kamera halten.

Danke! Eine wirklich tolle Erfahrung. Hinweis: Ich habe an keiner Präsenzveranstaltung teilgenommen – daher war es für mich eine rein digitale Veranstaltung. Auch an Treffen mit Ortsgruppen habe ich nicht teilgenommen – gemeinsame Spaziergänge oder Entdeckungsreisen wären möglich gewesen.

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